Foto: Pascal Dupuy
Was haben Geduld und Stockwerke mit grünem Taunus zu tun? „Die Erklärung gab Revierförster Karl-Matthias Groß im SPD-Videogespräch“, berichtet Moderator Pascal Dupuy. Ein Wald wachse nicht in überschaubarer Zeit sondern über Generationen, sei abhängig von den Einflüssen der Natur, aber auch von den Entscheidungen der Waldbesitzer:innen. Und die wirken über Jahrzehnte

nach, erzählte Groß. Wenn heute etwas gemacht würde, könne erst in 30 oder mehr Jahren eine Aussage dazu gemacht werden, ob das gut oder eher hinderlich für einen naturnahen Wald sei. Klar sei aber, wenn der Wald seine Klimafunktion ausüben soll, brauche er die Zeit und den Raum und eben auch die Geduld, bis dies erkennbar eintritt, bei neuen oder neuaufgeforsteten Flächen.

Jeder Baum lasse riesige Mengen an Samen fallen, als Futter für die Fauna (die gesamten Lebewesen einer Fläche) und als Nachwuchs für den Bestand. Dadurch entstünden über Jahre mehrere „Stockwerke“ an natürlich nachwachsenden Pflanzen. Diese Art der Beförsterung dauere zwar etwas länger als die Pflanzung mit Setzlingen, aber sie schaffe kostengünstig und praktisch ohne viel Pflege einen nachhaltigen Waldbestand, der Stürmen standhalte, ein besserer Wasserspeicher sei und auch Schädlingen gegenüber resistenter.

„Wir Waldbauer denken in mindestens 100-Jahre-Schritten“, berichtete Groß, „übernehmen einen Bestand, auf dessen Auswirkungen der Beförsterung vorhergehender Jahrzehnte wir keinen Einfluss haben.“

Die Folgen einseitiger Waldbewirtschaftung zugunsten von Wirtschaftlichkeit seien immer wieder deutlich sichtbar gewesen, z.B. bei den verheerenden Stürmen mit flächendeckendem Holzbruch oder eben den Trockenheiten der letzten drei Jahre oder dem extremen Borkenkäferbefall.

Die Fichte ist kein Zukunftsbaum mehr, sie ist bei großer Trockenheit nicht mehr widerstandsfähig, die alten Buchen haben im vergangenen Jahr in der Krone nicht richtig ausgetrieben und auch in diesem Jahr ist noch keine Besserung zu erkennen. In der Tiefe ist bisher eben kein Wasser angekommen. Richtig gut geht es den Bäumen im „Stockwerk“ darunter. Die wurzeln noch in einer Schicht, die durch die lange Regenzeit im Winter und Frühjahr bedient wurden.

Förster Groß führte aus, dass über das Ökosystem Wald noch viel zu wenig bekannt sei. Erst seit den 1980iger Jahren würde intensiv geforscht, Vorbilder seien kaum vorhanden und so könne nur das eigene Beobachten und das Lernen an den eigenen Objekten Wissen bringen. Der Wasserhaushalt verändert sich, die Grundtemperatur ist um 3 – 4 Grad gestiegen, dadurch verändert sich auch die Artenvielfalt an Pflanzen und Tieren. Ein Wildtiermanagement ist notwendig. Erhöhte Population an Rotwild kann Setzlingen und jungen Bäumen zum Verhängnis werden, da diese die Triebe eines Baums als Delikatesse abknabbern. In diesem Zusammenhang erwähnte Dupuy den Wolf als Möglichkeit der natürlichen Reduzierung von Rot- und Kleinwild. Doch da hatte der Fachmann seine Zweifel, denn das Rotwild würde sein Verhalten ändern. Es würde mehr Hirsche geben, um das Rudel vor Angriffen zu schützen und damit auch mehr Verbiss und der Kreislauf sich noch einmal anders entwickeln.

Groß Appell ging auch in Richtung Politik. War in der Vergangenheit der Wald ein Nutzbringer für die Erwirtschaftung von Einnahmen durch Holzverkauf, müsse heute der Verzicht auf Monokultur im Vordergrund stehen. Auch sei es eine Fehleinschätzung, dass durch eine naturnahe Beförsterung weniger Personal notwendig sei. Mit dem Einsatz von Maschinen wie den Harvester sei auf weniger Eigenpersonal gesetzt worden, doch die über lange Jahre entstandenen strukturellen Probleme müssen über den Waleigentümer gelöst werden, sprich in diesem Fall über die Kommunen.

Wie also den Wald wieder grün bekommen? Anknüpfend an den Beginn setze er auf Vernetzung aller Kräfte, der Eigentümer, Verbände, Interessengruppen, Freiwillige und Aufklärung. Dabei sei zu beachten, dass das Abschmelzen der Pole mit der Verlagerung des Golfstromes für den europäischen Norden langfristig eher Kälte bringen wird und damit eine Bepflanzung anderer Art erfordern wird als die derzeitig eher mediterrane Witterung. Die Landwirtschaft muss mitmachen und die aggressive mit Chemikalien versetzte Bewirtschaftung zurücknehmen.

Jede einzelne Person kann etwas unternehmen. Spenden sind wichtig, um Umweltschutzmaßnahmen finanzieren zu können. Die Presseberichterstattung und Social Media-Einträge verfolgen, um Aktionen im Wald begleiten zu können. Und was immer geht, einen leeren Rucksack mitnehmen, Handschuhe und dann beim Wandern im Wald nebenbei Müll sammeln.

Als Schlusswort erinnerte Groß an die Erkenntnisse Alexander von Humboldts, der damals schon sehr fortschrittliche Ideen hatte und durch seine Reisen feststellte: Europa lebe auf Kosten der anderen Kontinente. Und das habe sich bis heute noch intensiv verstärkt und zeigte auf die moderne Technologie wie Handys und Akkus, die nur funktionieren, weil Seltene Erden dazu beitragen, oftmals durch Kinderarbeit gefördert.

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